„Ringfeld“ Martina Fuchs

Text for the exhibition „Ringfeld“ in the Sigismundkapelle Regensburg, 2008 by Martina Fuchs

Ringfeld 

Ich freue mich sehr, Sie zur Eröffnung der Ausstellung »ringfeld« von Stefan Mayer zu begrü- ßen. Vielleicht haben Sie ja auch die Einladungskarte bekommen und sich erst mal gefragt, was es mit diesem Gebilde, das auf der Karte zu sehen ist, auf sich haben mag. Ein wenig ähnelt es ja einer »Fliegenden Untertasse«, die durch die Dunkelheit des Alls zu fliegen scheint. Wenn man nun aber die Sigismundkapelle hier in Regensburg betritt, stellt man schnell fest, dass das Gebilde keineswegs etwas mit einem UFO zu tun hat, sondern höchst irdisch ganz brav auf dem Boden liegt und mit Wasser gefüllt ist. Was uns fürs erste aber auch nicht unbedingt schlauer macht…
Wenn man sich die Form nun aber genauer anschaut, stellt man natürlich schnell fest, dass sie an ein Labyrinth erinnert. Und wenn man sich dann vor Augen hält, dass ein Labyrinth ein verschlungenes Wegesystem ist, das den Weg, der hinein-, hinaus- oder aber hindurchführt, zu einem Rätsel macht, könnten wir uns jetzt bequem zurücklehnen und behaupten, dass der Sinn und Zweck der Arbeit von Stefan Mayer darin bestünde, rätselhaft zu bleiben. Ein bisschen stimmt das zwar auch, aber etwas mehr lässt sich dann doch noch über die Arbeit herausfinden. Kommen wir noch einmal auf die labyrinthische Form zurück: Die ist von dem Ausstellungsort, der Kapelle, inspiriert, was einleuchtend erscheint, wenn man weiß, dass Labyrinthe häufig in Kirchen anzutreffen sind. Im Gegensatz zu einem Irrgarten, in dem man sich verläuft, führen die Labyrinthe im religiösen Kontext allerdings immer zu einem Ziel, weil sie den Weg der Büßer nach Jerusalem symbolisieren. Und Büßer sollen natürlich auf gar keinen Fall vom rechten Weg abgebracht werden… Dies trifft nun aber nicht auf das Labyrinth von Stefan Mayer zu, bei dem die Wege nur im Kreis verlaufen und nicht auf ein klares Ziel zusteuern. Eine im engeren Sinne religiöse Bedeutung können wir diesem Labyrinth also offenbar nicht unterstellen. Allerdings heißt die Arbeit ja auch gar nicht Labyrinth, sondern »ringfeld«. Und genau hinter diesem Begriff verbirgt sich die Lösung des Rätsels: Was hier nämlich mit »Feld« gemeint ist, ist ein magnetisches Feld, das Stefan Mayer erzeugt, indem er in die mit Wasser gefüllten offenen Rohre Strom leitet. Daraus erklärt sich auch das Vorhandensein der auf den ersten Blick rätsel- haften Kabel, die in das Labyrinth geleitet werden. Dieser Funktion als Magnetfeld verdankt sich schließlich auch das Wasser, das in den Rohren steht. Wasser – das wissen selbst physikalische Laien wie ich – leitet Strom. Wobei das Wasser fraglos auch noch den Nebeneffekt hat, dass sich das Kreuzgratgewölbe der Decke darin spiegelt, so dass die Arbeit, obwohl sie sich am Boden befindet, mit dem vorhandenen Raum optisch verbunden wird.
Das »ringfeld« von Stefan Mayer besteht demnach eigentlich aus zwei Bestandteilen, nämlich der sichtbaren Skulptur am Boden und dem unsichtbaren Magnetfeld, das das natürliche Magnetfeld der Erde – also den magnetischen Nordpol – überlagert. Hätten wir einen Kompass dabei, könnten wir feststellen, dass er sich auf die Mitte des Feldes ausrichtet, nicht auf den magnetischen Nordpol.
Diese Gleichzeitigkeit von sichtbaren und unsichtbaren Komponenten ist ein zentraler Aspekt im Werk von Stefan Mayer. Seine Arbeiten sind räumliche Interventionen, die sich ihrem Ort einerseits formal anpassen – weshalb er für die Sigismundkapelle die aus Kirchen bekannte Labyrinthform gewählt hat –, und ihm andererseits mit dem Magnetfeld etwas Unsichtbares implantieren, das den Ort für einen gewissen Zeitraum, in unserem Fall: für die Dauer der Ausstellung, verändert.
Charakteristisch dafür erscheint sein Projekt ParaSite, das seit 1998 läuft, in dem er selbst oder aber Freunde von ihm kleine, Batterie betriebene Elektromagnete an verschiedenen Punkten der Welt, unter anderem in New York, Los Angeles oder Wien, installierten und damit das Magnetfeld der Erde lokal und temporär überlagerten. Wie Parasiten nisteten sich die Magnete unauffällig an den unterschiedlichsten Orten ein und vollbrachten ihr unsichtbares Werk. Ähnliches gilt für sein Projekt Navegar aus dem Jahr 2000, bei dem Magnete auf kleine Bötchen montiert wurden, die dann einen Fluss in Brasilien herunterschipperten und ebenfalls das normale Magnetfeld der Erde kurzzeitig überlagerten, bis sie – möglicherweise – von einem Krokodil ver-
schluckt wurden oder anderweitig verschwanden.
In dieser Vorgehensweise liegt etwas Schlitzohriges: Unauffällig schleust Stefan Mayer seine Arbeiten in die Welt ein und lässt sie den jeweiligen Ort ein klein wenig verändern. Denn die Formen, die er für seine Skulpturen findet, etwa die Bötchen bei Navegar, oder, in unserem Fall, das Labyrinth, hängen offensichtlich mit dem gewählten Ort zusammen. Dieses Verfahren erinnert gleichermaßen an Mimikry wie auch an das Verhalten von Parasiten. Gleichzeitig bleiben seine Arbeiten in ihrer Ausführung immer absichtsvoll simpel, weil im Vordergrund die Idee steht, nicht die bis ins letzte Detail ausgebildete Form, die einen ästhetischen Eigenwert entwickeln soll. Für unser »ringefeld« beschränkt sich Stefan Mayer deshalb auf Kunststoff-Laminat. Die Vermutung beim ersten Blick auf die Einladungskarte, dass die Arbeit »ringfeld« irgendetwas mit einem UFO zu tun haben könnte, war demnach ein Irrtum. Vielmehr verbindet sich in Stefan Mayers Interventionen das Unsichtbare mit Elementen des Subversiven und Ideellen: Der sichtbare Teil seiner Objekte ist nur die halbe Wahrheit, weil entscheidender ist, was sich im Unsichtbaren abspielt – die unsichtbaren Magnetfelder, die erzeugt werden und das natürliche Magnetfeld der Erde überlagern. Eigentlich also baut Stefan Mayer unsichtbare Räume. Indem er diese meist unauffällig an verschiedenen Orten der Welt entstehen lässt und abhängig vom jeweiligen Ort mit der passenden Tarnung versieht, wohnt den Arbeiten aber auch etwas Subversives inne. Heimlich, still und leise dringen sie in die Welt ein und führen zu einer kurzzeitigen Veränderung des jeweiligen Ortes. So unsichtbar die auch sein mag, messbar, nämlich mittels eines Kompasses, ist sie. Damit lenkt Stefan Mayer unseren Blick nicht nur auf jene andere Seite der Realität, eben die Unsichtbarkeit, sondern auch auf die ideelle Seite der Kunst und deren Potenzial zur Veränderung. Und das, so meine ich, ist am Ende spannender, als es ein UFO je sein könnte…
(Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 4. März 2008 in der Sigismundkapelle Regensburg) Martina Fuchs